Interview mit Christian Gutschmidt

Herr Christian Gutschmidt ist Referatsleiter für Luft- und Raumfahrtwirtschaft, Wasserstoff und Internationales bei der Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation in Bremen.
In unserem Interview spricht er über die Rolle von Zöllen, internationale Handelsbeziehungen und die Auswirkungen auf Unternehmen und Verbraucher.

1. Inwieweit lassen sich Zölle ökonomisch als effizientes Steuerungsinstrument rechtfertigen?

Herr Gutschmidt erklärt, dass aus rein ökonomischer Sicht eine Welt ohne Handelshemmnisse, also ohne Zölle oder andere Barrieren - am effizientesten wäre. In einem solchen System würden sich sogenannte komparative Kostenvorteile durchsetzen: Länder spezialisieren sich auf die Produktion der Güter, die sie besonders effizient herstellen können.

Allerdings werden Zölle häufig als Reaktion auf politische oder wirtschaftliche Maßnahmen anderer Staaten eingesetzt. Sie dienen somit nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch strategischen Zwecken.

„Am effizientesten wäre der Handel ohne Hemmnisse – Zölle sind meist eine Reaktion auf politische Entwicklungen.“

2. Welche Rolle spielt die Europäische Union in der gemeinsamen Handelspolitik?

Die Mitgliedstaaten der EU haben die Handelspolitik an die Europäische Union übertragen. Das bedeutet: Die EU-Kommission führt Verhandlungen im Namen aller Mitgliedsländer.

Bevor Verhandlungen beginnen, erteilen die Mitgliedstaaten der Kommission ein Mandat. Darin wird festgelegt, welche Ziele verfolgt werden sollen – beispielsweise die Senkung von Zöllen auf null. Nach Abschluss der Verhandlungen müssen alle Staaten dem Ergebnis zustimmen (Ratifizierung).

Der Vorteil:
Gemeinsam besitzt die EU deutlich mehr Verhandlungsmacht als einzelne Staaten.

„Gemeinsam ist die EU in Handelsverhandlungen deutlich stärker als wenn jeder Staat allein verhandelt.“

3. Können Zölle kurzfristig Arbeitsplätze schützen?

Als Beispiel nennt Herr Gutschmidt den Handelskonflikt zwischen den USA und China. Wenn China aufgrund von US-Zöllen weniger Stahl in die USA exportiert, sucht es alternative Absatzmärkte – etwa Europa. Dies kann dazu führen, dass günstiger Stahl den europäischen Markt überschwemmt und heimische Produzenten unter Druck setzt.

In solchen Fällen können Schutzzölle eingesetzt werden, um kurzfristig Arbeitsplätze zu sichern.

Langfristig hängen die Auswirkungen jedoch von Gegenmaßnahmen und internationalen Reaktionen ab.

4. Sind CO₂-Grenzausgleichsmechanismen eine neue Form der Zollpolitik?

Herr Gutschmidt ordnet diese Maßnahmen als eine Art moderne Zollpolitik ein. Sie sollen europäische Unternehmen schützen, die klimafreundlich und unter höheren Umweltstandards produzieren.

Ziel ist es, Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen aus Ländern mit geringeren Umweltauflagen zu vermeiden und den Transformationsprozess hin zu einer klimaneutralen Industrie zu unterstützen.

5. Welche Auswirkungen haben Zölle auf Entwicklungsländer?

Entwicklungsländer sind häufig stark vom Export weniger Produkte abhängig und verfügen über geringere Marktmacht, da sie meist nicht in vergleichbaren Staatenbünden wie der EU organisiert sind.

Dadurch befinden sie sich in einer schwächeren Verhandlungsposition. Zölle können diese strukturellen Nachteile weiter verschärfen.

Herr Gutschmidt weist zudem darauf hin, dass bereits der reine Freihandel häufig kritisiert wurde, da Entwicklungsländer oft hauptsächlich Rohstoffe exportieren, während Industrienationen höherwertige Produkte verkaufen. Zölle könnten diese Ungleichgewichte zusätzlich verstärken.

Seine Einschätzung:

„Nutzen bringt das Entwicklungsländern in der Regel nicht.“